Erster Weltkrieg und Weimarer Republik

Zu den baulichen Zeugnissen der Industriegeschichte gehören zweifellos auch die mit der Großindustrie entstandenen Werkssiedlungen.

Die Siedlungen wurden als werkseigene Mietwohnungen bewirtschaftet. Es gab in der Regel keine Aufteilung in einzelne Grundstücke. Die zu den Wohnungen und Häusern gehörenden Gärten wurden individuell genutzt und brachten den Bewohnern nach Feierabend reichlich Erholungsmöglichkeit.

In den allermeisten Fällen solcher Siedlungen entstanden Bauten für die leitenden Angestellten und solche für die Arbeiter. Zumeist wurden beide Wohnbereiche voneinander separiert angelegt.

Die Anlage einer solchen Siedlung folgte meistens der „Gartenstadtidee“, worin sich verschiedene Leitsätze einer durchgrünten, dezentralen Stadtentwicklung mit dem Ziel eines überschaubaren Gemeinwesens bündelten.

Die Verantwortung lag häufig in der Hand eines einzelnen Architekten, welcher zumal auch Angestellter des Industrieunternehmens war.

Wenn wir jedoch über die Geschichte der Kraftwerkssiedlung sprechen, so stoßen wir häufig zunächst auf den Namen Louis Bauermeister. Der Vater von Louis, Gustav Bauermeister war eigentlich einer der Begründer der „Deutschen Grube“. Louis übernahm mit wirtschaftlichem Weitblick das Werk seines Vaters.

Louis wurde am 5. August 1839 als zweiter Sohn des Amtmanns Gustav Bauermeister in Richau (Kreis Thorn, heute Polen) geboren. Seine Kindheit verbrachte er mit Bruder und Schwester in Halberstadt und Wernigerode. Als Sechsjähriger kam er nach Bitterfeld. Von 1850 bis 1857 besuchte er die Realschule in Halle.

Am 26.03.1868 heiratete er die Steigertochter Berta Clara Anna Hauptmann aus Sandersdorf. Im deutsch-französischen Krieg diente er in einem Schützenbataillion. Anschließend übersiedelte er nach Deutsche Grube und übernahm im Alter von 32 Jahren die Geschäfte seines Vaters.

Unter seiner Regie entwickelten sich die handbetriebenen Kohlegruben zu Großbetrieben mit maschineller Abraumförderung. Mit der Veredelung der Braunkohle in neu errichteten Brikettfabriken seit 1871 steigerte Bauermeister den überregionalen Absatz. Den ebenfalls abgebauten Ton nutzte er als Rohstoff für Ziegeleien und, seit 1886, für eine Tonröhrenfabrikation. Mit der Gründung des Salzbergwerk Neu-Staßfurt 1899 und der Chemischen Werke Zscherndorf GmbH 1903 wurde Bauermeister einer der Mitbegründer der chemischen Industrie in Bitterfeld, von deren sprunghaftem Wachstum um die Jahrhundertwende er als Rohstofflieferant profitierte. Durch sein soziales Engagement für seine Belegschaft entstand ab 1890 die Arbeiterwohnsiedlung Deutsche Grube am Westrand Bitterfelds mit einer Schule und einer Kirche (Bauzeit 1905-1907). Bauermeister war auch einer der Pioniere des Bergbaus im Lausitzer Braunkohlerevier mit der Gründung einer Grube bei Schwarzheide, auch wenn diese aufgrund hohen Grundwasserzustroms nicht lange Bestand hatte. 1918 verkaufte er die Deutsche Grube an die Agfa Wolfen.

Zeit nach dem ersten Weltkrieg

Das seit den 1870er Jahren durch Braunkohletagebau und seit der Zeit um 1900 durch die Großchemie wachsende Bitterfelder Industriegebiet war damals eines der stärksten Zuzugsgebiete Deutschlands. Jedoch kam der Wohnungsbau während des Krieges 1914-1918 fast völlig zum erliegen bzw. brach nach 1918 fast völlig zusammen.

Durch den Ingenieur, Chemiker und das Aufsichtsratsmitglied Ignatz Stroof wurde bereits vor dem Krieg ein Siedlungsprojekt mit Kleinwohnungen am Standort der Chemischen Fabrik Griesheim-Elektron angeregt. Dieses wurde aber erst am 23.12.1919 dem Aufsichtsrat vorgelegt und verabschiedet. Es war der Anfang für die am Kraftwerksausgang gelegene Siedlung für Arbeitern und Beamte. Der Grundstein für die Entstehung der heutigen Kraftwerkssiedlung war gelegt.

Der Hauptteil der Siedlung entstand während des ersten Bauabschnittes in der Zeit zwischen 1920 und 1924. Angefangen bei der Elektron-Straße über den Plieninger Platz (heute Otto-Hahn-Platz), Ertelstraße, Ignatz-Stroof-Straße, Brüder-Lang-Straße, Stefan-Simon-Straße bis hin zum Pistorplatz und Schulplatz.
Im Schwerpunkt der Hauptachse im Kreuzungspunkt Stefan-Simon-Straße, wurde später auch eine kleine Schule für die Siedlungskinder errichtet.
Nur etwa zehn Prozent der Wohnungen waren für leitende Angestellte vorgesehen. Die größeren Wohnung für diese höheren Angestellten waren in der Siedlung verteilt und befinden sich meist in Ecklagen.
Der leitende Architekt der Griesheim-Elektron-Werke war Stefan Simon. Somit oblag ihm auch die Leitung des Aufbaus der Kraftwerkssiedlung. Seine Pläne hierfür waren ausgewogen und von symmetrischer Gestaltung geprägt. Dies fällt auch insbesondere entlang der Hauptachse (Ertelstraße) auf.
Meistens wurden Mehrfamilienhäuser mit Kleinwohnungen gebaut. In der Stefan-Simon-Straße sowie in der Ignatz-Stroof-Straße wurden jedoch auch Reihen- und Doppelhäuser für leitende Angestellte errichtet.
Insgesamt gab es in der Siedlugn ca. 300 Wohnungen, wovon die meisten zwischen 50 und 70 m² groß sind. Diese hatten 2-4 Zimmer, Wohnküche, Speisekammer und Wirtschaftsräume hinter dem Haus, wie Waschküche und Stall.
Durch eine abwechslungsreiche Gestaltung der einzelnen Häuser durch diverse Dachformen, Bogengiebel und Dachgauben wurde auch der ganzen Siedlung ein einzigartiger Charakter verliehen. Die Gliederung in Haus- und Gartenflächen unterstreichen diesen Eindruck noch. Bei einem entsprechenden Pflegeaufwand entsteht ein regelrechter Wohnpark.
Bögen spielen auch eine wesentliche Rolle bei Durchgängen und Blickachsen zu den Gartenbereichen. In der Stefan-Simon-Straße überspannten zwei einmalige Torbögen die gesamte Straße, was man in einem Modell in der Pistorschule noch heute nachvollziehen kann.

Das Kraftwerk Griesheim Elektron